SmartHome im Selbstversuch. Oder: „Wie leitet man zuverlässig eine Scheidung ein“

Altes Code EingabegertOk, irgendwo bin ich ein Nerd. Mein Start der smarten Umrüstung zur Hausautomatisierung liegt zwei Jahre zurück. „Damals“ habe ich angefangen hinter nahezu jeder Dose und jedem Schalter einen Sensor oder Aktor von Homematic zu verbauen. Etwas überrascht war ich von der krass technischen Bedienoberfläche des Systems. Ohne boolesche Algebra im Informatik-Studium wäre ich wohl kaum weit gekommen. Hatte ich aber und fühlte mich gefordert. Erste Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten: Der „Gute Nacht“-Modus per Knopfdruck mit Ausschalten aller Lichter und Herunterfahren der Jalousien. Es packte mich: Sensoren am Schlüsselbund melden die Abwesenheit von allen und schalten eine selbst zusammenkonfigurierte Alarmanlage ein. Ein USB-Stick in der Steueranlage ließ mich wenig später einen Webserver starten und anprogrammieren. Das mitgeschnittene und entzifferte Protokoll unserer SONOS-Musik-Anlage machte damit das Abspielen von Sounds per Skript möglich. Rock n Roll! Dann die Heizungssteuerung: Ein Abgleich der Außen- und Innentemperaturen identifizierten Temperaturstürze und konnte die träge Fußbodenheizung fahren, bevor die Kälte oder Hitze in den Räumen angekommen war. Ein Traum.

Das Ganze wurde allerdings ziemlich schnell zum Albtraum. Der Webserver erlegte nach wenigen Wochen die Zentrale der Hausautomatisierung. Das ganze System musste zurückgesetzt, jede Komponente neu angelernt werden. Das heißt: Dosen aufschrauben und Schalter rausprökeln um an die ganzen kleinen Wundersender zu kommen. Ok, das hatte ich auch herausgefordert. Aber selbst mit frischem System lief nichts länger als zwei Tage rund. Ständig Akkus alle. Ständig Fehler im Funkkontakt. Ein Serientermin erforderte jeden Samstagmorgen das Prüfen und Beheben von Systemmeldungen. Die Suche nach einem Elektriker, der sich das Ganze mal ansehen sollte, blieb vollends erfolglos: Es gibt keine auffindbaren Elektriker, die sich mit diesem Geraffel auskennen! So langsam fühlte ich mich vom Marketing der SmartHome-Protagonisten auf den Arm genommen. 

Ein erfolgter Einbruch ohne Alarmmeldung rief dann die geliebte, aber bereits spürbar genervte Ehefrau radikal auf den Plan. Als Ergebnis habe ich die Alarmanlage herauskonfiguriert und eine reguläre Sicherheitsfirma engagiert, die routiniert ihre Kabel verlegte und seitdem für Ruhe an der Front Sicherheit sorgte. Randnotiz: Bewegungsmelder und Co. haben zu diesem Zeitpunkt ca. 2.500 € eingeäschert.

Aber der Ärger hörte nicht auf. Beispiel: Der ach so schöne „Gute Nacht-Modus“ brachte mich jeden Abend zum Verzücken. Aber wenn die immer noch geliebte Ehefrau morgens mit quengelnden Kindern diesen Modus auf Grund eines Fehlers im Schalter nicht mehr beenden kann, gibt’s kein Licht und kein Hochfahren der Rollladen. Prost Mahlzeit. Der Spaß hörte dann zügig und endgültig auf. Ich darf jetzt noch das Licht im Garten steuern. Tolle Sache. Für ein Investment von einigen Tausend Euros und Stunden über Stunden an Beschäftigung.

Aber es gibt Licht am Horizont! Nach viel, viel Überredungskunst durfte ich gestern den neuen Rasenmähroboter in Betrieb nehmen! Gut…auch hier war einiges an Handwerkszeug gefragt mit Kabelverlegen und Klemmen legen und eine stärkere Sicherung einsetzten. Aber jetzt kann der SmartGarden kommen! Brav fing unser neuer Robocop an zu Mähen und fand faszinierenderweise nach einer Stunde selbstständig die Station und lädt. Und lädt. Und lädt. Nach 90 Minuten hätte er laut Bedienungsanleitung weitermachen sollen. Das ist jetzt 20 Stunden her. Ach man.

Jetzt mal im Ernst.

Schön, dass die Hersteller von SmartXYZ Geld verdienen möchten. Und dass Software ausgeliefert wird, bevor sie reif ist, kennt man ja auch. Aber das Problem ist, dass wir bei SmartHome und Konsorten nicht davon reden, dass ein optionaler Rechner oder ein SmartPhone mehr oder weniger zuverlässig funktioniert. Hier geht es um unseren Lebensalltag. Es geht um Licht, damit wir sehen können. Um Rollläden, damit wir nach draußen gehen können. Im Falle von SmartFridges: Damit wir was zu essen haben. Und in diesem Kontext sollen die Käufer von Smart heute die BETA-Tester spielen? Nein Danke, liebe Elektro-Industrie. Kommt bitte wieder, wenn ihr zuverlässige Gerätschaften präsentieren könnt oder wenn es ein breites Angebot an Dienstleistern gibt, die damit umgehen und uns den Schlamassel vom Hals halten können.

Den Rasenroboter gebe ich morgen zurück. Die kriegen was zu hören. Hmmm…da gibt’s doch noch dieses andere Modell. Das etwas teurere. Das hat bestimmt eine bessere Qualität. Und eine App! Damit kann ich den Rasen vom Urlaub aus gedeihen lassen! Wie geil!

Categories: UX

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