Human Experience

Warum User Experience bei Weitem nicht reicht

BoardNutzerzufriedenheit entsteht, wenn die Bedürfnisse des Menschen befriedigt werden. Dieser einleuchtende Sachverhalt ist kontroverser als er anmutet, denn die heutige Perspektive auf Computer ist geprägt von einem entscheidenden Missverständnis. Der Computer kann per se nicht alle unsere menschlichen Bedürfnisse befriedigen. Zeugnis dafür sind die gerade bei Programmierern beliebten „Scrum-Boards“.

 

 

 

 

Sensorik

Aktuelle Forschungen belegen, dass der Mensch ca. 20.000 Sinnesreize pro Sekunde aufnimmt. Filter führen davon 40 relevante unserem Bewusstsein zu und von diesen können wir in etwa 4 gleichzeitig kognitiv verarbeiten.

Betrachten wir den Computer: Er ignoriert vollständig Haptik und Olfaktorik, Audio findet bis auf digitale Piiiiieps nahezu keine Anwendung und Visuelles ist auf ein kleines Fenster mit geringer Auflösung und 2-Dimensionalität beschränkt.

Soziale Bedürfnisse

Auf Grund der reduzierten Wahrnehmungskanäle ist es uns kaum möglich unsere sozialen Bedürfnisse über digitale Kanäle zu stillen. Denn egal wie viele Likes oder Freunde wir auf Facebook haben, wir sitzen alleine vor einem Bildschirm. Kein Lachen steckt uns an, keine Mimik verrät uns wie es einem Kommunikationspartner tatsächlich geht. Ich nenne das gerne „Schießscharten-Kommunikation“: Unverbindliche soziale Konnektivität mit maximalem Schutz in den eigenen vier Wänden.

Im Ergebnis lässt sich jedenfalls konstatieren, dass wir den Menschen nicht nur aus der Perspektive des „Users“ betrachten können, sondern seine Bedürfnisse ganzheitlich – auch im analogen Kontext – berücksichtigen müssen. Aus „User Experience“ muss „Human Experience“ werden.

Erfolgreiches Beispiel: Das Scrum-Board

Es gibt zahlreiche Beispiele, die belegen, dass ganzheitliche Lösung unter Einbeziehung analoger Kanäle zu sofortigem Erfolg führt. Ein solches hängt heute fast jedem Software-Entwickler vor der Nase: Das Scrum-Board.

Board

An Stelle von Task-Listen in Excel, ClearCase, TFS oder SharePoint hängen auf einmal Papierzettel an einem Whiteboard. Vor dem Board wird sich getroffen und gesprochen. Jeder im Team hat seine Aufgaben und die seiner Kollegen immer vor Augen. Und zwar anfassbar. Handgeschrieben, durch- oder unterstrichen, mit Ausrufezeichen oder einem Smily. Kurz: Mit erheblich mehr Information als nur dem reinen Text. Und jeder kann im Daily stolz seine Karten samt Erfolg vor den Augen aller unter „Ready“ hängen. Das Board entwickelt sich mit dem Projekt und an Stelle eines KPIs tritt eine ganze Geschichte, an der alle persönlich beteiligt sind. Warum diese Methode so erfolgreich ist, liegt auf der Hand: Sie befriedigt unsere sozialen Bedürfnisse… Und diese Methode ist erfolgreich als jede noch so Feature-reiche Projektmanagement-Software. Und das sogar bei einer Zielgruppe, die mehr Computer-süchtig nicht sein könnte: Bei Entwicklern!

Das soll nun nicht heißen, dass jeder Prozess vom Computer auf Stift und Papier verlagert werden müsste. Aber es gilt ganzheitlich den Benutzer in die Analyse der Anforderungen zu rücken: Was möchte der Benutzer wirklich? Was motiviert ihn? Welche Informationen sind ihm tatsächlich hilfreich? Wie kann er sozial eingebunden werden? Wie können Schnittstellen in die analoge Welt aussehen?

Geht man mutig diesen Weg, kann es passieren, dass man erkennt, dass ein Feature überhaupt nicht ausreichend in der digitalen Welt abgebildet werden kann.  Stattdessen könnte dann eine Unterstützung der analogen Welt die ideale Lösung sein.

Wie wäre es zum Beispiel mit einem System zur Zusammenführung der Menschen an Stelle eines yet another Wissensmanagement-Systems? Ein netter Dialog bei einem Kaffee ist ohne Zweifel  „sinnvoller“ als eine Ansammlung von Buchstaben aus dem Intranet.

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